Gründe für die Kastration von Farbmausböcken

Im Gegensatz zu z.B. Rattenböcken oder Mongolischen Rennmäusen sind Farbmausböcke vom Sozialverhalten her grundsätzlich verschieden und können nicht unkastriert in einer Gemeinschaft gehalten werden. Der Vergleich mit anderen Kleinnagern hinkt in diesem Fall also.

  • In vielen Tierheimen findet man regelmäßig unkastrierte Farbmausböckchen, entweder noch als Gruppe oder wegen Beissereien schon vereinzelt.
  • Gleiches ist in jedem Notfall aus ungewollter Vermehrung zu verzeichnen: Die Weibchen werden schnell vermittelt, übrig bleiben die kleinen Farbmausbrüder.
  • Ahnungslosen Haltern werden in Zoogeschäften ein oder mehrere unkastrierte Böcke verkauft.

Ausgehend von diesen Situationen, soll in diesem Artikel dargelegt werden, welche Schwierigkeiten, ja Gefahren, sich dem uninformierten Halter von unkastrierten Farbmausböcken ergeben.
Da eine Vergesellschaftung von unkastrierten Farbmausböckchen mit Weibchen aus naheliegenden Gründen (Vermehrung) selbstverständlich nicht möglich ist, andererseits aber jede Farbmaus ein Gemeinschaftstier ist und sich daher eine Einzelhaltung verbietet, stellt sich immer wieder die Frage, ob man unkastrierte Farbmausböckchen untereinander in Gruppen halten kann.

Vorab sei ausdrücklich festgestellt:

:!: Eine Haltung von Farbmausbock-Gruppen ist für Anfänger extrem schwierig bis nahezu unmöglich!
:!: Eine Vergesellschaftung von unkastrierten Farbmausböcken untereinander wird in der Regel scheitern!


Ursache hierfür ist, dass Farbmausböcke ein sehr ausgeprägtes Revierverhalten zeigen. Jedes Revier (und sei es nur ein Teil einer Voliere, welches der Bock als „sein Eigentum“ betrachtet) wird durch Böckchen massiv verteidigt. Gesunde Farbmausböckchen fangen diese Revierkämpfe in der Regel ab dem 3. Lebensmonat an, in Einzelfällen auch schon früher. Dies gilt auch für Brüder, die gemeinsam aufgewachsen sind, sich also ihr Leben lang kennen. Mit dem Eintritt der Geschlechtsreife mit dem 28.-30.Tag werden sie zu Konkurrenten.
Auch ältere Farbmausbrüder können überraschend und auch erst deutlich später mit diesem Revierverhalten beginnen und sich zerbeissen, obwohl der Halter sie bisher als friedlich erlebt hat. Eine lückenlose Überwachung der Tiere ist nicht möglich - es hat schon viele böse Überraschungen gegeben, bei denen ausgewachsene Böcke sich von einem auf den anderen Tag zerfleischt haben, oder ein Halter die Warnsignale der Tiere nicht verstanden hat.

Bisswunden Genitalbereich
Bisswunden Hoden

Auf den Bildern sieht man typische Bisswunden im Genitalbereich, welche aus Revierstreitigkeiten unkastrierter Böckchen resultieren: Ihre Hoden waren derart vernarbt und verwundet, dass sie erst nach mehreren Wochen medizinischer Betreuung und Versorgung kastriert werden konnten. Im betreffenden Fall wurden mehrere Böckchen aus schlechter Haltung übernommen, die heute als Kastraten (!) glücklich mit weiblichen Artgenossen zusammenleben. Sie haben keinerlei Beeinträchtigungen zurückbehalten und sich einige Zeit nach der Kastration wieder gut verstanden.
Lassen Sie es erst garnicht zu derartig schweren Verletzungen kommen!

Auch und gerade jedes neu in das Revier eindringende Böckchen wird unter hohem Einsatz verjagt. Was als kleine Streitigkeit beginnt, kann unter Umständen tödlich enden und führt nahezu immer zu schweren Verletzungen.
Revierkämpfe können in der Regel nur dadurch vermieden werden, dass die Böckchen unter Platzmangel gehalten werden. Dieser Platzmangel müsste in diesem Fall so massiv sein, dass die Böcke keine Reviere bilden, sondern eingezwängt auf wenig Platz künstlich befriedet werden. Doch diese Situation ist vergleichbar mit einem Pulverfass, das jeden Moment explodieren kann - ganz abgesehen davon, dass es für die Tiere enormen Stress bedeutet, auf so eine artuntypische Weise zusammengehalten zu werden. In freier Wildbahn würde der unterlegene Bock abwandern und sich ein eigenes Revier suchen.
Für den verantwortungsvollen Maushalter stellt diese Art der Bockhaltung in keinem Fall eine akzeptable Alternative dar, es bleibt als einziger Ausweg eine Kastration.

Eine Kastration bringt genau zwei Vorteile, mit denen alle genannten Probleme auf einen Schlag gelöst sind:

  • Keine weitere Vermehrung bei gemischtgeschlechtlicher Haltung und damit Verringerung des Mäuseaufkommens in Tierheimen und bei privaten Notfällen
  • Abbau der Hormone, die für Aggressivität, Revierverhalten und Markierungsdrang (=Gestank!) der Böcke verantwortlich sind

Kastrierte Farbmausböcke verhalten sich nach einer gewissen „Ausstink-Phase“, in der sie den Rest ihrer Hormone ausscheiden, wie weibliche Mäuse und können problemlos mit Weibchen vergesellschaftet werden.
Für Farbmausböcke, die schon vor der Kastration in einer Gruppe gelebt haben, ergibt sich durch die Kastration eine massive Befriedigung der Gruppe, die tatsächlichen oder drohenenden Revierkämpfe flauen ab oder entstehen garnicht erst.

:!: Auch nach Abwarten der "Ausstink-Phase" ist es jedoch nur sehr schwer möglich, einander fremde Kastraten zu vergesellschaften. Kastraten, die hingegen schon vor der Kastration noch als Böcke zusammenlebten, haben gute Chancen, befriedet werden zu können.

Wenn Sie weitere Fragen zu Kastratenvergesellschaftungen und weiteren Optionen haben, melden Sie sich bitte im Forum.


Weiteres zum Thema lesen Sie bitte unter:

 
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farbmaus/kastrationsgruende.txt · Zuletzt geändert: 2014/05/18 10:24 von mus_musculus
 
 
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