Methoden... oder "Wie verhindere ich Mord und Totschlag?"

Nachdem man sich eine Gruppenkonstellation überlegt hat, die man selbst für aussichtsreich hält, stellt sich natürlich die Frage, wie man die Mäuse am geschicktesten zusammenbringt.

:!: Vorweg sei vom leider noch allzu oft praktizierten „Einfach dazusetzen“ abgeraten. Mäuse markieren den Käfig als ihr Revier und vertreiben Eindringlinge sehr energisch. Die neu dazu gesetzten Tiere würden demnach vehement bekämpft, was mitunter sehr böse ausgehen kann.

Schrittweise Aneinandergewöhnung

Am gebräuchlichsten ist die Vergesellschaftung in mehreren Schritten.
Angefangen beim Kennenlernen auf neutralem Raum über zeitweises „Kleinsetzen“ (d.h. Zusammensetzen unter Platzmangel) und langsames Vergrößern der Unterbringung bis hin zum Endkäfig bringt dieser Weg durch die stufenweise Aneinandergewöhnung der Tiere zumeist sicheren Erfolg. Geeignet ist er für „normale“ Konstellationen mit nicht besonders aggressiven Tieren. Die schrittweise Aneinandergewöhnung stellt das langjährig erprobte und bewährte Standardverfahren der Farbmausvergesellschaftung dar.

:!: Ein wichtiges Prinzip ist die Mitnahme des neuen Gruppenduftes, d.h. aus jeder der Stationen muss das eingepinkelte Streu und Nistmaterial auch mit in die nächste Station genommen werden um den Tieren die Annahme des gemeinsamen Gruppengeruchs zu erleichtern.

:!: Auf allen Stationen müssen die Tiere ausreichend frisches Wasser und Körnerfutter zur Verfügung haben. Lediglich ganz am Anfang, z.B. in der Badewanne, kann es ratsam sein, zumindest den Wassernapf erst hineinzustellen, wenn sich die erste Aufregung gelegt hat und die Mäuse nicht mehr ständig durch das Wasser laufen.

Die Schritte im einzelnen:

erste Etappe einer Vergesellschaftung
  • Zunächst bringt man die Tiere auf neutrales Gebiet. Dieser Ort sollte genug Platz bieten, um den Tieren ein Ausweichen zu ermöglichen, gleichzeitig ausbruchssicher und lediglich mit Futter und Wasser ausgestattet sein, um keine Streitpunkte zu schaffen. Besonders bewährt hat sich in dieser Beziehung eine mit Handtüchern ausgelegte Badewanne. Ziel dieser Etappe ist nur ein erstes Kennenlernen, somit kann sie beendet werden, wenn die Tiere auf einem Haufen schlafen, sich aneinander kuscheln und/oder putzen.


zweite Etappe einer Vergesellschaftung
  • Als zweite Station dient eine Transportbox. Auf kleinem Raum kommen die Tiere in engeren Kontakt und nehmen nach und nach einen gemeinsamen Gruppengeruch an. Die Transportbox muss mit frischer Eintreu bodenbedeckend eingestreut sein. Da die Annahme des Gruppengeruches eine gewisse Zeit dauert, sollten die Tiere mindestens zwölf - besser mehr - Stunden in der Box verbleiben, bevor man zum nächsten Schritt weiter geht. Voraussetzung dafür ist ein friedlicher Umgang untereinander, es sollten absolut keine Aggressionen mehr zu erkennen sein. Futter kann man den Tieren lose in die Einstreu geben, sodass gleichzeitig noch eine Beschäftigungsmöglichkeit gegeben ist. Wasser in einem kleinen Napf oder Gurke dürfen ebenfalls nicht fehlen.


dritte Etappe einer Vergesellschaftung
  • Anschließend folgt das Umsetzen der Gruppe in einen kleinen Käfig, zB ein Aquarium in den Maßen ca 50x30cm oder in eine Duna. Dies sollte weiterhin ohne Einrichtung passieren, allerdings kann man den Tieren in den meisten Fällen bereits etwas Heu und/oder Zellstofffetzen anbieten, um wenigstens etwas (Sicht-)Schutz zu bieten. Die eingepinkelte Streu aus der Transportbox wird mitgenommen. Nach und nach sollte die Behausung nun immer größer werden, bis man schließlich bei der Endgröße ankommt. Wie langsam man diese Vegrößerungen vornimmt und wieviele Zwischenkäfige notwendig sind, sollte man hierbei vom Verhalten der Mäuse abhängig machen. Als Richtwert dient das Verbleiben für etwa zwölf Stunden in jedem Käfig und der friedliche Umgang der Tiere miteinander.
dritte Etappe - weiterhin alles friedlich

:!: Manchmal kann es vorkommen, dass die Tiere sich wieder intensiv zu beschnuppern anfangen, sich kurz nachjagen oder auch mal quitschen, wenn sie sich bedrängt fühlen, obwohl sie dieses Verhalten auf den vorherigen Etappen der Vergesellschaftung nicht gezeigt haben. Dieses Verhalten ist normal. Durch die ungewohnte Situation zB in der Badewanne und die beengten Verhältnisse in der Transportbox kann es sein, dass dieses Verhalten „unterdrückt“ wurde und erst auftritt, wenn etwas mehr Platz zur Verfügung gestellt wird. Weitere Informationen zum Sozialverhalten unter Farbmäusen finden Sie hier: Infos zum Sozialverhalten.

  • Schließlich setzt man die Tiere in den Endkäfig und stellt, falls sie friedlich bleiben, zunächst ein Haus zur Verfügung - möglichst eines mit mehreren Ein- und Ausgängen! Schlafen alle Mäuse gemeinschaftlich in dem Haus, kann langsam die geruchsneutrale Einrichtung hinzu gegeben werden, die entweder komplett neu oder aber mit Essigwasser gereinigt und „entduftet“ wurde. Hierbei geht man lieber langsam vor, denn bei zu viel Neuem auf einmal kann schnell wieder Streit aufkommen. Ein neuer Einrichtungsgegenstand pro Tag scheint ein guter Richtwert zu sein.

:!: Ein Problem bei dieser Methode der Vergesellschaftung ist der lange Zeitraum, über den sie sich erstreckt, die vielen neuen Käfige, die die Tiere in dieser Zeit kennenlernen müssen und die große Stressbelastung, die daraus für sie resultiert. Deshalb kann man bei sehr friedlichen Gruppen die Zwischenschritte teilweise auch weglassen und sie nach der Transportbox direkt den frisch gereinigten und geruchsneutralen Käfig beziehen lassen. Dies gilt aber wirklich nur für Gruppen, deren Sozialverhalten man genau kennt und die man dementsprechend gut einschätzen kann.

Inventar - kategorisiert nach "Streitpotential"

Häufig stellt sich die Frage, in welcher Reihenfolge während und nach einer Vergesellschaftung Inventar und Einrichtungsgegenstände hinzugegeben werden können, ohne dass die Mäuse sich um ein Stück streiten müssen. Hierbei haben sich mit der Zeit und der Erfahrung hilfreiche Kategorien ergeben:

  • Pflicht auf jeder Stufe einer Vergesellschaftung sind: Wassernapf. Wenige und neutrale Späne. In Spänen verstreutes Futter. Mitnahme der eingepinkelten Streu in den jeweils nächsten Käfig.
  • Inventar mit geringem Streitpotential: Heu, Stroh, Papierschnipsel (Zeitung, Küchenpapier), Äste, Seile, Hängeleitern, Steine, Futternapf (statt in Späne streuen).
  • Inventar mit mittlerem Streitpotential: Weidenbrücken und andere Unterschlupfe, Klopapierrollen, längere Tunnel oder Winkelröhren, Häuschen mit mehreren Ein-/Ausgängen, kleine Zwischenebene für Futter/Wasser. Rechnet man zu Inventar auch den Käfig selber, so haben Unterbringungen bis ca. 60×40 ein geringeres Streitpotential, als ein großer Endkäfig. Bei unkastrierten Böcken, die sehr empfindlich auf Geruchsveränderungen reagieren, kann schon menschlicher Handkontakt einen Anlass zum Streit darstellen (lesen Sie dazu auch: Gründe für eine Kastration bei Farbmausböcken).
  • Inventar mit hohem Streitpotential: Häuschen mit einem Ein-/Ausgang, Laufräder, Hängematte, Weidenkörbchen. Auch ein Endkäfig über 80x50cm hat theoretisch Streitpotential- dies bedeutet natürlich nicht, dass eine dauerhafte Unterbringung von Farbmäusen auf einer Fläche von mehr als 80×50 grundsätzlich ein Risiko darstellt. Ganz im Gegenteil: diese Unterbringung ist das erklärte Ziel einer erfolgreichen Vergesellschaftung! Klappt ein Zusammenleben der Tiere auf diesen Maßen wider Erwarten nicht friedlich, so ist in den allermeisten Fällen davon auszugehen, dass die Vergesellschaftung nicht korrekt durchgeführt oder aber zu schnell zuviel Inventar hinzugegeben wurde.

Sonstige Methoden

Die hier beschriebenen Verfahren stellen lediglich eine vorbereitende Ergänzung des Standardverfahrens da und sind in der Praxis sehr ungebräuchlich.

  • Tausch von Einstreu: In Vorbereitung einer Vergesellschaftung kann es hilfreich sein, täglich etwas Einstreu der noch getrennt lebenden Mäuse zu tauschen. So haben sie schon vorab die Möglichkeit, sich an den Geruch der anderen zu gewöhnen.
  • „Duftbehandlungen“ mittels Kloecken: Da die Tiere sich stark anhand des Geruchs orientieren, kann ein Angleichen desselben helfen, Aggressionen für den Moment zu mildern. Der natürlichste und definitiv ungiftige Weg, den Eigengeruch der Mäuse anzupassen, ist das Einreiben mit Streu aus der Kloecke des jeweils Anderen. Dieser Effekt hält aber nur solange an, wie sich der Geruch auch tatsächlich auf den Tieren hält und ist somit nicht von Dauer. Nach Abklingen der Geruchswirkung können die Mäuse ohne weiteres wieder aggressiv werden, so dass eine gute Beobachtung unabdingbar ist.

So nicht!

:!: Von allen weiteren Methoden wie dem Beträufeln mit Parfüm, dem Baden der Tiere in irgendwelchen Substanzen (Erkältungsgefahr!) oder auch dem Einreiben mit ätherischen Ölen ist abzuraten. Abgesehen vom immensen Stress, den es für die Tiere mit sich bringt, auf einmal vollkommen eingenebelt zu sein - schließlich riechen sie um ein vielfaches intensiver als wir - sind Nebenwirkungen, allergische Reaktionen oder ähnliches kaum erforscht und eine Giftigkeit deshalb nicht auszuschließen.

Vergesellschaftung gescheitert?

Es besteht immer die Möglichkeit, dass sich trotz korrekter und langsamer Vergesellschaftung und entsprechender Inventarzugabe eine Mäusegruppe oder auch nur Einzeltiere dauerhaft nicht verstehen. Dies gilt für Vergesellschaftungen von reinen Weibchengruppen ebenso wie für Weibchen-Kastraten-Vergesellschaftungen. Natürlich kann man dann in der Vergesellschaftung einen Schritt rückwärts gehen, die Gruppe nochmal in einen kleineren Käfig setzen, ein Stück ihres Käfigs abtrennen, Inventar mit besonderem Streitpotential wieder entfernen usw.
Man sollte allerdings im Hinterkopf haben, dass es Fälle gibt, in denen trotz dieser erweiterten Maßnahmen Tiere einfach nicht zusammen leben möchten. Es kommt dann dauerhaft und auch nach Tagen/Wochen noch zu Jagereien, viel Gequietsche, Schwanztrommeln, im schlimmsten Fall sogar zum Kugeln und Beissen. Getrenntes Schlafen in verschiedenen Nestern ist ein mögliches Anzeichen, kann aber auch ganz harmlos sein.
:!: Haben Sie deshalb bei Farbmausvergesellschaftungen immer einen „Plan B“ - zur Not muss eine weitere Gruppe eröffnet werden, in die besonders aggressive oder gemobbte Tiere ausweichen können. Natürlich nicht in Einzelhaft, sondern in Gesellschaft von Tieren, mit denen ein friedliches Auskommen möglich ist. Um dies zu beurteilen, ist eine gute Beobachtungsgabe des Halters erforderlich, damit auch wirklich die richtigen Tiere aus der Gruppe herausgenommen werden.

Sarah Kremeyer 17.05.2006 13:08., ergänzt durch Johanna Richter

farbmaus/methoden.txt · Zuletzt geändert: 2008/10/09 13:40 von ungehorsam
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